Circle of Looks, NRW-Forum Düsseldorf


Circle of Looks, Aquarell von Carol Pilars de Pilar, Foto: Franklin Berger



Das Kunstprojekt „Circle of Looks“ von Adwoa Adjei, Carol Pilars de Pilar, Thyra Schmidt und Anne Schülke zeigt autobiografische Texte und Bilder aus dem Sommer 2018: Zeichnungen, Aquarelle, ein Künstlerbuch, ein Experimentalvideo und eine Projektdokumentation. Das Material entstand in Zusammenarbeit mit Frauen aus Bangladesch, Deutschland, Ghana, dem Iran, Marokko, Pakistan, Rumänien, Somalia und Tschetschenien. Einige haben den rechtlichen Status von Geflüchteten. Andere nicht. „Circle of Looks“ lud diese zufällig entstandene Gruppe von Frauen zu Aktionen ein. Die Initiatorinnen beteiligten sich an den Aktionen und ließen Aufmerksamkeiten kreisen. So tanzt „Circle of Looks“ auf den Grenzen zwischen hier und dort.


 

„Circle of Looks“-Initiatorinnen:


Anne Schülke , Medienkünstlerin und Literaturwissenschaftlerin, beschäftigt sich mit Formen des Dokumentarischen, Auto-/Biografischen und Essayistischen. Dabei arbeitet sie an den Schnittstellen von visueller Kunst, Literatur und Literaturwissenschaft. Allein oder in Kooperation mit anderen entwickelt sie Videos, Texte, Installationen und Ausstellungen. Von 2019 bis 2023 ist sie Co-Leiterin des „NKR – Neuer Kunstraum“ in Düsseldorf.

 

Adwoa Adjei, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, ist in der Flüchtlingsberatung tätig und leitete von 2013 bis 2019 ein Frauenprojekt für besonders schutzbedürftige Flüchtlingsfrauen bei der Diakonie Düsseldorf. Einige Frauen aus dem Projekt nahmen an „Circle of Looks“ teil. Adwoa Adjei gründet derzeit den Verein „Friendship e.V.“, der sich für die Integration und Sichtbarmachung der afrikanischen Community in Düsseldorf einsetzt.


Thyra Schmidt, Künstlerin, studierte an der HBK Braunschweig und an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre Arbeiten werden regelmäßig in Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Sie erhielt zahlreiche Stipendien. Ausgehend von einer fotografischen Sichtweise konzipiert sie medienübergreifende Arbeiten und Installationen für Innen- und Außenräume. Die Basis bilden dabei selbstverfasste Texte, welche als bild- und raumerzeugende Elemente aufgefasst werden.


Carol Pilars de Pilar, Künstlerin, absolvierte eine Restaurierungsausbildung in Florenz, Düsseldorf und München. Sie lebt als freischaffende Künstlerin in Düsseldorf und arbeitet im Bereich Malerei, Installation und Bildhauerei. Sie entwickelt Installationen aus Zeichnungen, Fotos, Aquarellen und biografischen Audio-Aufnahmen. In ihrer bildhauerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit Körpern und Objekten des Alltags. Ihre Arbeiten werden im In- und Ausland ausgestellt.


Text: Circle of Looks



"Circle of Looks" wird gefördert durch und kooperiert mit: Kunststiftung NRW, Diakonie Düsseldorf, Landeshauptstadt Düsseldorf, Intermigras e.V., Forum Freies Theater, Komm an NRW und NRW-Forum Düsseldorf.



Weitere Informationen und Programm >


Projektbeginn 2018 >



Termin:


Circle of Looks. A Dream

Buchpräsentation und Ausstellung

4. bis 7. April 2019


NRW-Forum

Ehrenhof 2, Düsseldorf




Circle of Looks, Ausstellung, Aquarelle, Foto: Franklin Berger



Innere Grenzen überwinden

Zu dem Projekt und Buch „Circle of Looks“



Der Raum ist gefüllt mit Menschen verschiedenster Couleur aus ganz unterschiedlichen Ländern. Sie sitzen am Boden auf vielfarbigen Kissen. Der bodennahe Tisch, den sie umringen, ist gedeckt mit Keramiken, mit Zweigen, Blüten und Früchten. Von der Tafel geht Reichhaltigkeit aus und Gleichheit. Aus den Schalen, die mit allerlei Leckereien gefüllt sind, bedienen sich Kinder, während sie aufmerksam – wie alle hier Anwesenden – jenen Frauen und Jugendlichen zuhören, die nach vorne treten und beginnen, zu sprechen. Sie lesen Texte: auf Farsi, Twi, Rumänisch, Urdu, Deutsch. Es sind ihre eigenen Erfahrungen, Geschichten von Bekannten, von Freundinnen und Freunden, oder auch von diesen hier versammelten Frauen, mit denen sie sich über Monate hinweg ausgetauscht haben und denen sie nun ihre Stimme und mitunter sogar auch ihre Sprache leihen. Dabei wird die Erzählung zu einer Melodie, in der das Gesagte durch die Vielfalt der Sprachen zuweilen unverstanden bleibt, doch durch Tonlage, Gestik und Mimik der Lesenden einen Erfahrungsraum erzeugt, der sich jenseits allen Begreifens der Worte entfaltet. Es ist für diesen Moment des Zuhörens ein Friede, der in den Raum tritt – durch den Mut, zu sprechen, (Erlebtes) zu teilen, und all das hier Vorgebrachte als Teil des Lebens auch wertzuschätzen.


„Circle of Looks“ ist die Beschreibung für eine Situation, die schon ins vergangene Jahr zurückreicht: zufälliges Kennenlernen, wachsendes zwischenmenschliches Interesse aneinander und dann die regelmäßige Zusammenkunft von Frauen vielfältigster Nationalitäten, die von sich und aus ihrem Leben erzählten. Migration, innere und äußere Emigration nach Schicksalsschlägen, die Befreiung aus Konventionen und unhinterfragtem gesellschaftlichem Brauchtum. Es hat Überwindung gekostet, sich zu öffnen – zunächst in direkten Gesprächen. Das Projekt „Circle of Looks“ wurde von Anne Schülke, Medienkünstlerin und Literaturwissenschaftlerin, Adwoa Adjei, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, und den Künstlerinnen Thyra Schmidt und Carol Pilars de Pilar initiiert. Sie brachten Frauen aus Bangladesch, Deutschland, Ghana, aus dem Iran, aus Marokko, Pakistan, Rumänien, Somalia und Tschetschenien zusammen. Es wurde gemeinschaftlich gekocht, wobei jedes Treffen durch das Aufhängen eines Plakats „Zusammen sein und kochen und Philosophisches erzählen und über Krieg reden in einem engen Raum (und sieben Dolmetscherinnen sind anwesend)“ am jeweiligen Treffpunkt für alle interessierten Passant*innen geöffnet wurde: als Einladung, teilzuhaben, als Impuls, Ähnliches anderswo zu wiederholen. Die gemeinsamen Aktionen nahmen zu und so auch die Schritte in den öffentlichen Raum hinein. Doch wie in der Öffentlichkeit sprechen, wenn es um Erfahrungen geht, die den innersten Schmerzraum berühren und zu öffnen beginnen? Wie Worte und Gestalt finden für Gedanken und Empfindungen, denen der eigene Körper zunächst noch als Barriere im Weg zu stehen scheint? Die Frauen haben bei einer Aktion getöpfert und Keramiken angefertigt, die sie im Rahmen einer Performance in der Düsseldorfer Filmwerkstatt vor ihre Gesichter hielten, wie Masken im traditionellen griechischen Theater, welche die Identität der Einzelnen verdeckte, um das Wort und die gemeinschaftliche Tragkraft des Gesagten oder Gesungenen herauszustellen – und insbesondere hier, um Schmerz und Visionen überhaupt erst formulieren zu können. Diese Performance bildete einen Hintergrund, so auch als Videoprojektion im Rahmen dieser Lesung, die als Abschluss des Projekts mit begleitender Ausstellung im NRW-Forum in Düsseldorf vom 4. bis 7. April 2019 stattfand. Nun standen diese Frauen völlig unmaskiert dort, als sie selbst. Sie erhoben ihre Stimmen im Angesicht aller Zuhörer*innen: für sich und für die Gemeinschaft, die sich durch das Erzählen, Zuhören und Austauschen gebildet hat.


Aus dem Sich-einander-Anvertrauen ist ein Buch entstanden, mit Texten in der Muttersprache der Autorinnen, in Deutsch und in Englisch. Das Buch beinhaltet außerdem Abbildungen von Zeichnungen und Aquarellen, die Carol Pilars de Pilar während all dieser Gesprächsmomente von den teilnehmenden Frauen, Jugendlichen und Kindern angefertigt hat: situative Ansichten einzelner Charaktere wie auch zwischenmenschliche Begegnungen. Das Buch zeichnet so in seiner Fülle der einzelnen Geschichten Erfahrungsräume nach und macht sie gegenwärtig. Es lässt uns in fern geglaubte Kulturen reisen, die beim Zuhören und Selbst-Lesen in erster Linie doch das Verbindende erfahrbar machen – wie die Gefühle, die wir der Welt, anderen Menschen und Schicksalen entgegenbringen, bei aller Individualität und kultureller Differenz verbindend sind. Dabei begeistert die Lektüre nicht nur für den Mut zum Leben, sie ermutigt auch dazu, selbst Mut zu beweisen und den eigenen Blick auf die Welt und das Leben durch andere Blickweisen zu ergänzen und zu bereichern.



Circle of Looks, Ausstellung, Zwei-Kanal-Video, Foto: Franklin Berger



Weiterführende Informationen

Circle of Looks. A Dream, hrsg. v. Anne Schülke, Thyra Schmidt, Carol Pilars de Pilar,

96 Seiten, 28,6 x 21,5 cm, Hardcover, 11 Sprachen, Texte: Anne Schülke und die Erzählerinnen, Zeichnungen und Aquarelle: Carol Pilars de Pilar, Gestaltung: Thyra Schmidt, 500 nummerierte Exemplare, Eigenverlag, 2019. Buch und Projekt wurden von der Kunststiftung NRW gefördert.



Circle of Looks. A Dream, Cover, Foto: Thyra Schmidt



Circle of Looks. A Dream, Like Fichte / Wie Fichte, Foto: Thyra Schmidt



Circle of Looks. A Dream, Aquarelle von Carol Pilars de Pilar, Foto: Thyra Schmidt



"Das Leben nach der Flucht - Gespräch mit Anne Schülke", WDR 3 Kultur am Mittag, 20.06.2018

 




Raumplan, Ausstellung "Circle of Looks", NRW-Forum Düsseldorf