Apfel und Amsel / Merle et Pomme


© Thierry Weiss


Internationales Vertonungsprojekt der Gedichte von Jürgen Nendza durch den französischen Komponisten Patrick Otto!


Uraufführung in Reims (F) am 26. Januar 2018 um 20 Uhr im Konservatorium in Reims

und am 7. Juli 2018 um 20 Uhr im Rahmen des Festivals Across the Borders  in der City Kirche St. Nikolaus in Aachen.



Der Dichter Jürgen Nendza und der Komponist Patrick Otto kennen und schätzen sich gegenseitig. Am Morgen dein Dach wurde bereits von Patrick Otto vertont und 2016 uraufgeführt. Nach diesem ersten erfolgreichen Projekt lag eine erneute Zusammenarbeit zwischen Jürgen Nendza und Patrick Otto nahe.

Jürgen Nendza beschreibt seinen Zyklus Apfel und Amsel als eine Folge von Motivvariationen, die in einem Raum zwischen Schlaf und Erwachen, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, Inneren und Äußeren anzusiedeln sind und dabei ein Zwischenreich aus Empfindung und Erinnerung wachrufen, das eine Vielfalt von Bedeutungen und Bedeutungsverschiebungen aufscheinen läßt“. Apfel und Amsel spricht u.a von der Liebe, hinterfragt Gewißheiten sprachlicher Erkenntnis, schlägt einen Bogen vom verlorenen Paradies zu den Abgründen von Auschwitz.

Der Zyklus besteht aus acht Gedichten: Die Wimpern, Täglich, Trittschall, Ein Lächeln, Der Apfel, Blätter, Das eigene Atmen, Wir treffen uns. Eine breite instrumentale Besetzung trägt dazu bei, die poetischen Bilder darzustellen und ihre feinen Nuancen zu erfassen: ein gemischter Chor, ein Solo-Sopran und ein Streichorchester erweitert um fünf Blasinstrumente (Oboe, Klarinette, Fagott, Flöte, ein Horn).


Im Sommer wird diese Gedichtvertonung beim Düsseldorfer Label JazzSick Records als CD vertrieben und am 7. Juli 2018 bei der Deutschlandpremiere in Aachen vorgestellt.


Hörprobe:

Apfel und Amsel. (1) DIE WIMPERN. Auszug



© Thierry Weiss



© Thierry Weiss



Michael Braun über Apfel und Amsel


Der Apfel und die Amsel, die der Dichter Jürgen Nendza in einem achtteiligen Zyklus zu filigran komponierten Existenz-Gedichten verknüpft, gehören zu den Ursprungsmythen der Literatur. In der biblischen Erzählung der Genesis firmiert der Apfel zum Beispiel als paradiesisches Motiv wie als verbotene Frucht. Der Liebesapfel kann aber auch zum Zankapfel mutieren, die Sinnlichkeit der Frucht die Abweichung vom moralischen Gesetz einschließen. Auch der Amsel werden in Poesie und Mythos magische Kräfte zugeschrieben. Die Amsel fungiert dabei als Türöffner für einen anderen Zustand, für ein geistiges Kraftfeld, in dem das Subjekt die Erweiterung seines Bewusstseins erlebt. All diese mythischen Zeichen und zentralen Elemente eines erweiterten Bewusstseins fließen in Jürgen Nendzas Gedichtzyklus „Apfel und Amsel“ zusammen. Der Zyklus ist im Raum des Übergangs zwischen Schlafen und Erwachen angesiedelt, in einer fluiden Sphäre, da die Grenzen zwischen Traum und Realität noch nicht fixiert sind. Die acht Gedichte dieses Zyklus liefern eine eigene Schöpfungsgeschichte, die in ihrer poetischen Textur zwischen sinnlicher Konkretion und poetischer Abstraktion oszilliert. Dieses feine lyrische Wechselspiel zwischen Details der Naturgeschichte und poetischer Erinnerung wird zusätzlich aufgeladen durch Anspielungen auf Zeitgeschichtliches und Zitate aus großen Texten der Weltliteratur. Das fünfte Gedicht verweist zum Beispiel auf ein erschütterndes Gedicht der deutsch-jüdischen Lyrikerin Nelly Sachs, das vom Todesweg der europäischen Juden handelt, der „Flüchtlinge aus Rauch“: „Nur diese/ Finger liegen an der Eingangsschwelle strikt/ und wie ein Messer zwischen Leben stramm und/ Tod.“ Im siebten Gedicht des Zyklus bekräftigt Nendza eine Entgrenzungsphantasie des amerikanischen Dichters Wallace Stevens, aus dessen Gedicht „Dreizehn Arten eine Amsel zu betrachten“: „Ich wiederhole: Ein Mann/ und eine Frau und eine Amsel sind eins.“ Apfel und Amsel verbinden sich in Jürgen Nendzas kunstvoll gewebten Gedichten in faszinierender Weise und werden auf neue Art geheimnisvoll.



Jürgen Nendza, Dichter


Jürgen Nendza wurde 1957 in Essen geboren und lebt in Aachen, wo er Deutsche Philologie, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Philosophie studierte und 1992 zum Dr. phil. promoviert wurde. Er veröffentliche bisher neun Gedichtbände, verfasst aber auch Radio-Features und ist als Herausgeber tätig. Zuletzt erschienen im Leipziger Poetenladen Verlag seine Gedichtbände Mikadogeäst. Gedichte aus 20 Jahren (2015) und Picknick (2017).

Jürgen Nendzas Gedichte wurden mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt, u.a. ins Englische, Niederländische, Französische und Mazedonische. 2014 produzierten Design-Studenten der FH Düsseldorf mehrere Poesieclips zu seinen Gedichten, die u.a. beim ZEBRA Poetry Filmfestival in Berlin gezeigt wurden und auch online zu sehen sind.

Jürgen Nendzas Gedichte sind faszinierende poetische Ereignisse, die Außenwelt und Innenwelt, Natur, Geschichte und Erinnerung zu einer Wahrnehmung der Übergänglichkeit zusammenführen. Die ruhig fließenden Verse entwickeln ebenso sinnliche wie welthaltige Panoramen, die Leichtigkeit und existentielle Befremdung in eins setzen. Dieser „Architekt poetischer Schwebezustände“ (Westdeutscher Rundfunk) gilt als einer „der interessantesten Dichter seiner Generation“ (Süddeutsche Zeitung).



Patrick Otto, Komponist und Dirigent


Patrick Otto ist Preisträger mehrerer Analyse- und Kompositionswettbewerbe des Conservatoire national supérieur de musique et de danse in Paris und studiert aktuell Orchesterleitung bei Charles Bruck (The Monteux School). Er war unter anderem Dirigent der Chorale Populaire von Paris, des Orchestre universitaire von Dijon, des Orchestre de la Cité internationale von Paris, des Orchesters Ars Juvenis in Rennes sowie des Ensemble Sonopsie.

 Die Liste seiner Kompositionen umfasst Solostücke (Mutation 2016), Werke für Orchester (Mynes 2007), gemischte Kompositionen (Europa 2009) und Installationen (Via …2010). Mit euphonischer Klangqualität und Feingefühl bedient er sich ebenfalls der Improvisation (Graphiques 2011). Die Vokalstimme setzt er auf unterschiedliche Art und Weise ein (Le loup et la lune, Feuilles de route 2015, Am Morgen 2016).

Als Musikwissenschaftler, der sich auf kompositorische Verfahren des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert hat, und als Hochschuldozent an der Universität Rennes 2 hat er neben etwa 30 Artikeln auch die Abhandlungen Traces et influences de la modalité dans la formation de Claude Debussy (2000) und L’improvisation musicale collective (2016) verfasst.



Die Aufführung am 26. Januar 2018 erfolgt mit der Sopranistin Agnes Lipka.


    Agnes Lipka, Sopranistin. Foto: Susanne Diesner            


Agnes Lipka wurde in Polen geboren und wuchs seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland auf. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Jura, bevor sie sich 2005 für ein Gesangsstudium an der Musikhochschule in Düsseldorf (Prof. Konrad Jarnot) entschied, das sie 2012 mit dem Konzertexamen abschloss. Durch ihr intensives und leidenschaftliches Rollenportrait der Antonia in einer Hochschulproduktion von „Hoffmanns Erzählungen“ verschaffte sich die Sängerin bereits 2008 große Aufmerksamkeit. Noch während des Studiums folgte dann 2011 ihr Operndebüt am Theater Krefeld. Neben dem Operngesang widmet sie sich dem Konzertfach, dem Liedgesang sowie der neuen Musik. So gestaltete sie Liederabende im Rahmen des Beethovenfestes Bonn und am Theater Krefeld und wird im April 2018 in London zu hören sein. Die in Köln lebende Sängerin ist regelmäßig Gast in der Philharmonie Köln und der Tonhalle Düsseldorf. Konzertreisen führten sie nach Frankreich, Italien, Polen, Japan und Südkorea sowie mit einem einmaligen Crossover-Projekt auf die Hauptbühne des Wacken Open Air Festivals, wo sie mit ihrer Opernstimme 70 Tausend Metal-Fans begeisterte. Agnes Lipka ist Preisträgerin des Schmolz+Bickenbach Wettbewerbs, Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbands und des DAAD.

www.agnes-lipka.de



Einführung in die musikalischen Kompositionen zu „Am Morgen dein Dach“ und „Apfel und Amsel“:


Bisher sind zwei Werkzyklen aus der Zusammenarbeit zwischen dem Dichter Jürgen Nendza und dem Komponisten Patrick Otto hervorgegangen: Am Morgen, dein Dach (2016) und Apfel und Amsel (2017). Die Besetzung besteht aus einem Solo-Sopran, einem gemischten Chor, sowie einem Instrumentalensemble in Form eines Bläserquintetts und eines Streichorchesters. Diese Besetzung ermöglicht die Darstellung der poetischen Bilder genauso wie die Ausschöpfung der Tiefe des Klangraumes.

Das aus dem ersten Zusammentreffen des Dichters und des Komponisten entstandene Diptychon Am Morgen, dein Dach ist als ein zusammenhängendes Stück konzipiert. Es werden verschiedene Schreibtechniken verwendet, wie z. B. die Improvisation, die als Einführung in das zweite Gedicht dient. Aus dem zufälligen klanglichen Ergebnis ohne erkennbare Konturen erhebt sich die Stimme als Trägerin des Textes.

Der Zyklus Apfel und Amsel wird vom Dichter als eine „Folge von Variationen über verschiedene Motive, die sich in einem Raum zwischen Schlaf und Wachsein befinden“ definiert. Er umfasst acht Gedichte, von denen jedes eine Folge von sechs Distichen ist. Von jedem Gedicht geht eine musikalische Atmosphäre aus, ein Klanggeflecht, in dem der poetische Text Bilder heraufbeschwört, deren Sinn sich im Rhythmus des Satzes, in der Form enthüllt.

Der Komponist greift diesen Gedanken der schnellen Enthüllung auf, indem er musikalische Elemente einsetzt, die mal klar umrissen und von vorneherein explizit erscheinen, dann wieder verschwommen und unklar sind und erst allmählich ihre Bedeutung erkennen lassen.

Ein und dasselbe melodisch-harmonische Element durchzieht den Zyklus in immer neuen Formen, indem es das chromatische Ganze in zwei Aggregaten aus fünf Noten zusammenfasst, zu denen nach Belieben zwei weitere Noten hinzugefügt werden.

Es werden verschiedene Kompositionsmethoden deutlich, von denen jede für eines der Gedichte charakteristisch ist: der Kanon bei Trittschall (n°3); der Sprechgesang bei Ein Lächeln (n°4), der einen akustischen Halo schafft; eine Ritournelle für Der Apfel (n°5).

Zwei Klangstrukturen bestimmen Blätter (n°6), eine festgelegte und eine bewegliche, die zwischen der Solistin und dem Tutti aufgeteilt sind.

Auf einer anderen Ebene ergänzen mehrere musikalische Zitate und Referenzen die poetische Arbeit von Jürgen Nendza. In Täglich (n°2) erinnert die Musik an den langsamen Satz der Symphonie N°41 von Mozart, was gleichzeitig durch ein Zitat im Gedicht suggeriert wird. Patrick Otto fügt dem eine Anspielung auf Messiaen hinzu. In Das Eigene Atmen (n°7) findet sich eine Klanggeste, die an Varèse erinnert, und in Wir treffen uns (n°8) eine Passage, die an Beethovens Streichquartett Nr.16 denken lässt.

Es handelt sich hier also um ein wertvolles künstlerisches Zusammentreffen zwischen Dichter und Komponist. Der Eine stimuliert die schöpferische Vorstellungskraft des Anderen, der wiederum durch seine Musik den Texten zusätzlichen Glanz verleiht.

Text: Alexandra Militaru




Aktuelle Berichterstattung bei WDR 5 Scala (min. 27:00-33:10) über das Konzert in Aachen

 




Informationen zum Konzert in Reims
 


Berichterstattung Konzert Aachen