GROSS TANZEN


 GROSS TANZEN, Gisèle Vienne, Crowd, Foto: Estelle Hanania



Im Zentrum der Programmreihe „GROSS TANZEN“ steht die Große Form im Tanz. Dabei sollen drei Aspekte besondere Beachtung finden: Welchen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten bietet sie Raum und welche gesellschaftlichen Prozesse können darin dargestellt, verhandelt oder imaginiert werden? Welche Wirkung haben diese Arbeiten auf das Publikum, und wie können Zugänge zum Bühnengeschehen vermittelt werden? Nicht zuletzt bleibt zu fragen, wie große Produktionen strukturell zu verorten sind, vor allem in Bezug auf Arbeitsstrukturen in der freien, lokalen Szene.



Das Programm:



Lia Rodrigues bildet mit ihren Performer*innen eine niemals endende Spirale der Agonie kolonisierter Körper ab, in der jede*r jede*n unterdrückt, ausnimmt, niederringt, in einer Welt, die in ihren treibenden Rhythmen nie zum Stillstand kommt. Körper werden malträtiert oder wie Herrscher*innen getragen und die Ohren vom immer gleichbleibenden Beat verführt, den Soundtrack unterschiedlichster Bewegungen zu hören: Von der Demonstration bis zum kriegerischen Aufruf bis zur fröhlichen Parade.



Gisèle Vienne taucht ein in das fast alltägliche Phänomen der durchfeierten Nächte – und entzieht ihm seine Beliebigkeit, indem ihr in der Dynamik der Gruppe ein Zoom auf Einzelne und ihr Begehren wie Leiden gelingt. Feelings are Facts und der soziale Kitt bestehet aus Einzelnen, die füreinander sorgen und einstehen. Das wird insbesondere dann klar, wenn sich krisengeschüttelte Gemeinschaften neu entdecken.



Das gilt in streng ästhetisierter Form für Sharon Eyals „Soul Chain“, die sie für tanzmainz entwarf. Sie tüncht ihren Bühnenraum mit dem technoid-androgynen Licht der Clubkultur. Eine perfekte Maschine, die in ihren minutiös ausgezirkelten Bewegungswellen eine Seele voll Passionen, Liebe und Sehnsucht vermuten lässt. Ein extremes Fühlen, eine Gesellschaft kurz vor der Explosion. In der abstrakten Verkörperung eröffnet sich eine Projektionsfläche, die vom Beziehungsdrama bis zu Kriegshandlungen alles in sich aufnimmt.



Marlene Monteiro Freitas setzt auf die laute, verstörende Überwältigung ihrer maschinengleich rastlos agierenden Performer*innen, die den Bakchen folgend in absurden Bildern durch die Geschichte rasen – und scheut sich dabei nicht, den weiblichen Körper herauszukehren und in virtuoser Orgiastik zu feiern – Euripides‘ Epos erlaubt die Auslegung der Frauengemeinschaft als Sisterhood, die sich gegen staatliche (vielleicht patriarchale?) Werte-Gewalt stellen.



Via Katlehong in einer Choreografie von Greogry Maquoma stellt sich ganz explizit als Bürger*innen einer Gesellschaft vor, die von den Nachwehen der Apartheit geprägt ist und stellen Fragen an ihre Politiker*innen – wann endet die Korruption? In den Tanzstilen Gumboot und Pantsula, die die Kolonialgeschichte selbst in sich tragen, vertanzen sie die laut ausgesprochenen Fragen. In dem großen Ensemble, das angesichts der politischen Macht klein erscheint, generiert sich transformatorische Kraft.



In „Paradise Now (1968-2018)“ von fABULEUS mit Michiel Vandevelde, suchen 13 Jugendliche in 50 Jahren Geschichte nach den ikonischen Bildern der Veränderung und verkörpern sie neu, genauso suchen sie mit ihren jetzigen Mitteln nach einer möglichen Zukunft.



Als Unterhändlerin beschreibt Emanuel Gat die überwältigende Tanzkunst, die er mit seinem Ensemble in “Story Water” auf die Bühne bringt. Die temporäre Gemeinschaft der Tanzenden stellt er in den Dienst möglicher Gesellschaften, um ihre Fragen und Ängste zu verhandeln. Ohne dabei alles ausbuchstabieren zu wollen oder zu können, bietet „Story Water“ Material für neue Ausdeutungen in immer neu aufkommenden Kontexten. Damit wächst die Arbeit zwischen Identifikationsfläche und Spiegel für Einzelne in einer Gesellschaft.



Text: tanzhaus nrw



Aktuelle Termine > tanzhaus nrw