FAVORITEN FESTIVAL 2018 in Dortmund


Fin de Mission Mission / Ohne Auftrag leben, Foto: Stephan Glagla


Das Theaterfestival FAVORITEN lädt zum intensiven Erkunden der freien Szene Nordrhein-Westfalens im September nach Dortmund ein. Das Festivalprogramm zeigt mit 18 Positionen aus zeitgenössischem Zirkus, Oper, Performance, Tanz, Theater und neuer Musik, die Lust am Experiment und ist Einladung, das Fremde in uns selbst zu entdecken. Mit dem Ruhrgebiet und Céline Dion im Chor sagt FAVORITEN als eines der ältesten freien Theaterfestivals: „I’ve never been cool and I don’t care“ und ruft den Zuschauern zugleich zu: „We dance for you“.



Vom 06.–16. September 2018 ist das Theaterfestival FAVORITEN der Ort für ästhetisch innovatives freies Theater aus Nordrhein-Westfalen. Traditionell ohne eigenes Haus verortet sich das Festival 2018 inmitten des Dortmunder Nordens, agiert lokal und tritt mitunter dort auf, wo Theater nicht schon als solches vorgegeben ist: in der alten Schmiede in Huckarde, im Dietrich-Keuning-Haus, im Club Rekorder in der Gneisenaustraße, in der Werkhalle des Union Gewerbehofs und eröffnet mit der Aufführung POEMS of the DAILY MADNESS eine Satellitenspielstätte in der Zeche Friedlicher Nachbar in Bochum. Festivalzentrum ist das Depot in der Nordstadt, ehemalige Straßenbahnhauptwerkstatt und heute mit dem Theater im Depot ein wichtiger Kulturort der freien Szene in Dortmund.


Viel lässt sich entdecken bei der diesjährigen Ausgabe zwischen den künstlerischen Disziplinen: Es gibt Arbeiten, die sich ohne weiteres genauso als Film wie als Performance, als Installation wie als Poesie, als Bühnenaufführung wie als familiäres Beisammensein, als Oper wie als Raumchoreographie bezeichnen lassen. Nach der Sichtung von 234 Produktionen einer vielfältigen freien Szene in Nordrhein-Westfalen ist im intensiven Dialog zwischen den beiden künstlerischen Leiterinnen Fanti Baum und Olivia Ebert und dem künstlerischen Beirat ein Programm aus 18 künstlerischen Arbeiten entstanden, das starke Positionen aus der NRW-Szene mit lokalen und überregionalen Kooperationen kombiniert.


Ohne Festivalmotto, sondern mit den Stimmen und Worten der einzelnen künstlerischen Arbeiten, tritt das Festival für ästhetische Experimente, genauso wie für kollektiv entwickelte oder lang recherchierte Themensetzungen der Künstler*innen ein. „Um uns kreist die öffentliche Debatte über kulturelle Leitbilder, klare Aufträge und Zuordnungen“, sagt Olivia Ebert. „Wir haben uns dafür interessiert, was es hieße ein Festivalprogramm oder eine Theaterarbeit ohne Leitbild, oder ohne Auftrag zu entwickeln“. „Denn machen, was vermeintlich keinen interessiert“, fügt Fanti Baum hinzu, „heißt auch, im Modus des Experiments zu agieren, sich dem Ungewissen des künstlerischen Arbeitens zu überlassen und Themen aufzugreifen, die zu irritieren vermögen – vielleicht auch aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit oder Alltäglichkeit.“



Claudia Bosse, Theatercombinat, POEMS of the DAILY MADNESS, Foto: Eva Wuerdinger



Die 18 Produktionen im Überblick


Das Favoriten Festival versammelt künstlerische Arbeiten, die widerständig gegen gesetzte Erwartungen bleiben und den Raum öffnen: für eine Ästhetik gegen das Definitive. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen ästhetischem Experiment und politischer Relevanz: politisch sind hier nicht immer die Themensetzungen, sondern auch die ästhetischen Entscheidungen.
Ist die eigene Stimme nicht immer schon unheimlich? – mit einer magischen Verschiebung unserer Wahrnehmung lädt die performative Installation Voicing Pieces von Begüm Erciyas ein, das Fremde bei uns selbst zu suchen. WITHIN von Tarek Atoui fragt hingegen, wie wir ohne Gehör wahrnehmen. Ein neu gebautes Instrument und ein Konzert lassen uns Töne mit allen Sinnen erfahren. Lea Letzel und Luísa Saraiva stellen den Zusammenhang von Klang, Bewegung und Komposition auf den Kopf – A CONCERT / EIN KONZERT choreographiert Klang und komponiert Bewegung. Das Experiment im Alltäglichen lässt sich in dem Expanded Cinema Projekt ingolf wohnt entdecken. Kötter /Seidl lassen ihre eigene Interpretation der Form Oper zwischen Gurkenbroten und Synthesizern neu erklingen.


Gegenwärtige Unübersichtlichkeiten provozieren herausfordernde ästhetischen Formen: Die vibrierenden und zitternden Körper in UNLIKELY CREATURES (II) we dance for you von Billinger & Schulz verweisen in einer Collage aus Tanz, Text, und Sound auf gegenwärtige physische Zustände der Überforderung durch Politik und Populismus. In dem schwindelerregenden Stück SURROUND von Overhead Project wird die Bühne zum Erfahrungsraum über die Geometrie der Demokratie: Wen schließt der Kreis ein, wen schließt er aus? Ein- und Ausschlüsse thematisiert auch Schorsch Kamerun mit seinem Stadtprojekt Nordstadt Phantasien im Rahmen der erstmaligen Kooperation zwischen Ruhrtriennale und Favoriten Festival: Wie lässt sich im drängelnden Aufmerksamkeitsspektakel eine deutliche Sprache für Musik, Text und Haltung behaupten, die nicht sofort vereinnahmt wird?  In Claudia Bosses POEMS of the DAILY MADNESS erheben vier Allegorien Terror, Poem, Hate Crime und Madness und ein Chor aus dem Ruhrgebiet ihre Stimmen und fordern Oper als Haltung, das Reale als Dichtung. Ben J. Riepes CARNE VALE! zelebriert ein Ritual zwischen Gewalt und Schönheit, Tradition und Unbehagen.


Wie verständigen wir uns im gesellschaftlichen und privaten Raum überhaupt? Während Anna-Lena Klapdors Arbeit mit Studierenden der Ruhr-Universität Bochum Feldpost aus dem 2. Weltkrieg mit heutigen Kurznachrichten in einem gemeinsamen chorischen Raum konfrontiert, performt Frank Willens in Sonderbare Irre von SEE! eine Choreographie der Posen aus YouTube Tutorials und Instagram Stories. In der Tischgesellschaft der installative Performance VANITAS von Sebastian Blasius – einer Performance für je ein*e Zuschauer*in – eröffnet sich ein imaginäres Tischgespräch als vielleicht kleinste Einheit gesellschaftlichen Sprechens.


Das Bochumer kainkollektiv und die Gruppe OTHNI aus Yaoundé, Kamerun irritieren mit Fin de Mission / Ohne Auftrag leben den europäischen Blick auf die Entwicklung westlicher Hochkultur: sie konfrontieren die Aufführung der ersten Oper 1607 mit der (Un-) Gleichzeitigkeit von europäischer Expansionspolitik und der Geschichte der Sklaverei. Um die Sichtbarkeit eines immateriellen außereuropäischen Kulturerbes, das mit den Menschen, die es leben aber längst in deutschen Städten angekommen ist, geht es beim Konzert-Projekt DIVA: Celebrating Oum Kalthoum. Das Favoriten Festival lädt in Koproduktion mit dem FFT Düsseldorf den Theaterregisseur Ariel Efraim Ashbel ein, ein Orchester mit Musiker*innen aus NRW zusammenstellen, um die Lieder der ägyptischen Legende Oum Kalthoum mit Konzerten in Düsseldorf und Dortmund zu feiern. Das Stück Die Ausgrabung wendet sich hingegen materiellen Artefakten zu: Was gilt als echt? Und wer gräbt überhaupt unsere Kultur aus? vorschlag:hammer erforscht die Tiefenschichten von Archäologie, Kunst und Theater. Andere Perspektiven auf Geschichte und Geschichtsschreibung eröffnen auf je sehr unterschiedliche Weise auch die Arbeiten Das Konzept bin ich der inklusiven Musik-Performancegruppe i can be your translator, eine kollektive Stückentwicklung zur sogenannten „Euthanasie“ im Nationalsozialismus, und و WOW von Nuray Demir und Tümay Kılınçel, die zur Befragung von Narrativen über Migration und zum Rewriting von Herstories einladen. Auf die eigene Biografie und Sozialisation in den 90er-Jahren blicken die beiden Performer David Kilinç und Thomas Bartling in Let’s Talk About Love und widmen in ihrer glamourösen und gänzlich unironischen Performance jedem Track auf Céline Dions legendären Album eine Szene zu erster Liebe, Coming Out und wahrer Leidenschaft.


(Text: Favoriten Festival)



. Lea Letzel und Luísa Saraiva, Foto: Tassilo Letzel



FAVORITEN ist das Festival der frei produzierenden Darstellenden Künste NRW. Alle zwei Jahre lädt die freie Szene traditionell nach Dortmund ein, um ästhetisch innovative Arbeiten, Fragestellungen, und Ausdrucksformen zu präsentieren und zu diskutieren. Das Festival findet in diesem Jahr vom 06.-16.09.2018 in Dortmund statt und wird von der Kunststiftung NRW gefördert.


Das Festival-Programm finden Sie hier

 


Tarek Atoui, WITHIN, Foto: Thor Brodreskift