Wenn die Häuser Trauer tragen, Düsseldorf


Impulse Festival, Foto: Sina Langner



Das  Impulse Theater Festival und das FFT gaben dem Wilhelm-Marx-Haus in der Düsseldorfer Innenstadt ein gebührendes letztes Geleit: Sechs Künstler*innen und Kollektive gestalteten in Zusammenarbeit mit den Nutzer*innen des Gebäudes verschiedene Formate, bei denen sie die im Haus gelebten Werte vorgestellt, verabschiedet und losgelassen haben. Say Goodbye with a Smile.

Das Gebäude liegt auf einem Filet-Stück zwischen Kö und Altstadt. Sobald ein Investor gefunden ist, wird die Stadt das Haus verkaufen. Den dort ansässigen Institutionen, darunter die Auslandsgesellschaften der Volkshochschule, das Eine Welt Forum, das FFT Juta, das Gleichstellungsbüro der Stadt Düsseldorf, die International English Library, der Bezirkssozialdienst, ein Seniorentreff der Arbeiterwohlfahrt und die Tonhalle Düsseldorf mit einem Teil ihrer Büros, stehen ein Umzug und ein Neubeginn bevor.

Welche Werte gehen mit dem Verlassen des Hauses verloren? Wie kann der Verlust verarbeitet werden? Und was hat all das mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun, in dem die Werte einer am Gemeinwohl orientierten Demokratie immer mehr in den Hintergrund geraten? (Text: ITF)


Beteiligte Künstler*innen: katze und krieg (Köln), K.U.R.S.K (Zürich), plan b (Berlin), Quast & Knoblich (Berlin), Christine Rollar (Berlin), Hendrik Scheel (Berlin), Barbara Ungepflegt (Wien)

 


Abschiedspfade (Aktionen der beteiligten Künstler*innen)

17.06. von 12 bis 14 Uhr / 19.06. von 14 bis 18 Uhr / 21.06. von 14 bis 18 Uhr / 22.06. von 14 bis 17 Uhr


Führungen (Referenzen zu den Abschiedspfaden und zum Gebäude)

16.06. von 14 bis 15 Uhr > mit Quast & Knoblich und Elisabeth Wilfart, Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Düsseldorf

17.06. von 15 bis 16 Uhr > mit K.U.R.S.K und Ladislav Ceki, Eine Welt Forum Düsseldorf e.V.

20.06. von 17 bis 18 Uhr > mit katze und krieg und den Auslandsgesellschaften des Internationalen Bildungszentrums DIE BRÜCKE

22.06. von 17 bis 18 Uhr > mit plan b und der International English Library (in englischer Sprache)

23.06. von 14 bis 15 Uhr > mit Barbara Ungepflegt und einem noch unbekannten Gast des Hauses


Trauerfest

24.06. ab 18 Uhr


Weitere Informationen finden Sie hier


Impulse Festival, Foto: Sina Langner


 


Mit dem Bau der U-Bahn an der Heinrich-Heine-Allee ging in den frühen 1980er-Jahren eine bemerkenswerte Veränderung in der Düsseldorfer Innenstadt einher: Das Carsch-Haus sollte um 27 Meter versetzt werden, um Raum für die Konstruktionsmaßnahmen der U-Bahn zu schaffen. Damit die diversen Initiativen und Vereine, die ihre Arbeitsräume und Büros im Carsch-Haus hatten, auch weiterhin tätig sein konnten, wurde der Anbau des gegenüberliegenden Wilhelm-Marx-Hauses beschlossen, um so während der Versetzung des Hauses dort einzuziehen und arbeiten zu können. Noch heute zeigt die Struktur des Gebäudes trotz fassaden- und profilgleicher Verlängerung eine Wegmarke dieser Entscheidung: die über zwei Torbögen angebrachten Jahreszahlen 1922 und 1984, welche die beiden Teile des Komplexes verschmelzen lassen.


Seit nunmehr 44 Jahren agieren verschiedene Einrichtungen in diesem Haus, die einen sozialen Aspekt mit ihrer Arbeit verfolgen. Der Anbau des Wilhelm-Marx-Hauses bietet in zentralster Lage und im besten Sinne des Wortes ein Forum: Es ist ein Ort des Austausches, ja Kultur- und Bildungszentrum für die Menschen dieser Stadt geworden. Die International English Library wird hier bereits seit Jahrzehnten ehrenamtlich geführt, das Eine Welt Forum Düsseldorf e.V. engagiert sich mit Leiter Ladislav Ceki seit über 40 Jahren für Integration und Solidarität, während Initiativen wie die Auslandsgesellschaften des Internationalen Bildungszentrums DIE BRÜCKE einen Clubraum für Gruppen wie beispielsweise die „Shoppers’ Break“ anbietet, in dem sich regelmäßig Frauen internationaler Herkunft zum Austausch bei Kaffee und Kuchen treffen. Das gesprochene oder gelesene Wort steht im Vordergrund, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das Mit- und Voneinander-Lernen, die Nähe zum Menschen fernab von Identitäts-Kategorisierung und Kapitalverhältnissen – Aspekte, die so auch seit vielen Jahren hier im FFT Juta (früher: Junges Theater in der Altstadt) auf die Bühne gekommen sind. Die Erreichbarkeit und Zugänglichkeit in der Mitte der Stadt bieten dafür eine Basis, die auf Gemeinschaft und Inklusion abzielt. So ist der Anbau des Wilhelm-Marx-Hauses auch für die Volkshochschule zu einem zentralen Ort geworden, wie auch für soziale Einrichtungen wie dem Gleichstellungsbüro der Stadt Düsseldorf und dem Jugendamt. Eingliederung und Integration erhielt hier bisher die Möglichkeit, von innen heraus gedacht zu werden. Oder anders herum: Über einen langen Zeitraum hinweg bedurfte es eigentlich keiner stellungnehmenden Erklärung, humanistisch zu denken – man tat es. Jetzt müssen wir Werte wie Humanismus wieder verteidigen und letzten Endes auch vor Investoren wie jenen, die den Anbau des Wilhelm-Marx-Hauses wirtschaftlich-kommerzieller Nutzung zuzuführen zu beabsichtigen, begraben. Haben wir eine Stimme?


Das Projekt „Wenn die Häuser Trauer tragen“, das im Rahmen des Impulse Theater Festivals in Kooperation mit dem FFT entwickelt wurde und von der Kunststiftung NRW gefördert wird, setzt sich mit dieser Tatsache und den mit ihr einhergehenden Konflikten auseinander. Dabei werden auf den „Abschiedspfaden“ nicht nur Formen des Loslassens thematisiert, sondern grundlegend unsere zeitgenössischen Werte befragt. Allem voran ist sich auf dieser Tour jede*r selbst überlassen, folgen die Besucher*innen zwar einem durch Textanweisung vorgegebenem Parcours, doch sind es der eigene Blick und die daran anknüpfende Reflexion, welche auf den „Abschiedspfaden“ hervor geholt werden. Austausch, Kommunikation und Gemeinschaft stehen im Vordergrund.

Die Performance-Gruppen und Künstler*innen K.U.R.S.K (Zürich), katze und krieg (Köln), Quast & Knoblich (Berlin), plan b (Berlin), Christine Rollar (Berlin), Hendrik Scheel (Berlin) und Barbara Ungepflegt (Wien) haben sich in Reaktion auf und in Zusammenarbeit mit den einzelnen Institutionen und Initiativen, die vom baldigen Aus- und Umzug aus dem Anbau des Wilhelm-Marx-Hauses betroffen sind, auseinandergesetzt und Erfahrungsräume geschaffen, in die auf dieser Route ab- und eingetaucht werden darf: in die Isolation, in die offene Klage, in die Euphorie, in den Zerfall, in das Umdeuten und Umgestalten, in den Wermutstropfen, in die Ironie, in die Tonne und auch in die Zuversicht. Wer mag, darf einen Seufzer auf Tonband hinterlassen, sich der Süße des Augenblicks im eigens für das Projekt errichteten Kiosk erfreuen, ein Stück genderneutrale Seife als Souvenir mitnehmen oder den eigenen Ballast einfach verbrennen.

Das beigefügte Selfie, das als Erinnerungsfoto Teil des Besuches wird, zeigt mich mit Christoph Rech, Leitender Dramaturg am FFT, mit dem ich – zufällig als Besucherpaar zusammengebracht – den „Abschiedspfad“ erlebt habe. Es ist Zeugnis für ein einfaches, doch sehr beeindruckendes Konzept: gemeinsam auf dem horizontalen und vertikalen Fußmarsch durch das Gebäude und dessen Aussichten über Menschen, Gesellschaft, Werte und Zukunft nachzudenken.


Am Sonntag, den 24. Juni 2018 hatte das sinnbildlich sinkende Schiff schließlich zum Trauerfest eingeladen. Da trafen wir uns an festlich gedeckten Tafeln und machten neue Bekanntschaften, hörten Werte, von denen wir uns verabschieden müssen, teilten Eindrücke, Überlegungen und Darbietungen der Akteur*innen des Hauses wie dem SenTa (Senioren-Theater), der Deutsch-Griechischen-Gesellschaft oder der Frauengesangsgruppe, wurden Teil der Reflexionen der Performance-Gruppen und Künstler*innen, und ließen zum Abschluss des Impulse Theater Festivals und als Geste des kollektiven Loslassens die von plan b gefalteten Papiervögel durchs Treppenhaus fliegen, die sie aus jenem Bestand der etwa 5000 Bücher hergestellt hatten, welche die International English Library aufgrund des Auszugs der Bibliothek aus dem Anbau des Wilhelm-Marx-Hauses wird abgeben müssen.



Christina Irrgang und Christoph Rech bei den Abschiedspfaden am 19.06.2018, Foto: CR



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke



Impulse Festival, Foto: Sina Langner



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke



Impulse Theater Festival, Stadtprojekt Düsseldorf, Foto: Robin Junicke





Impulse Festival, Foto: Sina Langner



Impulse Theater Festival 2018