Katia Kameli, Kunsthalle Münster


Foto: Katia Kameli – Kunsthalle Münster



Mit „Katia Kameli: She Rekindled the Vividness of the Past“ zeigt die Kunsthalle Münster die erste institutionelle Einzelausstellung der französisch-algerischen Künstlerin Katia Kameli in einer deutschen Institution. Die Ausstellung handelt vom Erzählen von Geschichte(n) und lädt ihre Besucher*innen ein, sich mit der Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte auseinanderzusetzen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der komplexen Beziehung von Kolonialismus und Post-Kolonialismus sowie dem nachkolonialen Erinnern. In ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte Algeriens, dem Schreiben ihres algerischen Romans, führt Kameli vor Augen, dass sich der Begriff des Post-Kolonialen keineswegs in einem zeitlichen Danach erschöpft, sondern eng mit den sozialen Konflikten der Gegenwartsgesellschaft zusammenhängt. In ihren Werken geht die Künstlerin der Macht von Narrativen nach, der Rolle der Bilderfabrik sowie deren Bedeutung für das Herausbilden einer nationalen Identität. Sie untersucht, wie sich koloniale und postkoloniale Geschichte in Bildern manifestiert und wie deren Existenz, aber auch deren Absenz, das politische Erbe eines Landes nachhaltig prägen. Sie fragt, welche Rolle Bilder in der Wissensproduktion spielen, welche politische und kulturelle Macht sie nicht nur für die gegenwärtige Geschichtsschreibung Algeriens, sondern auch ganz generell besitzen. Kameli wirft Fragen zu vorherrschenden Machtverhältnissen auf, die auch jene nach der visuellen Definitionsmacht einschließen. Dabei blickt sie nicht nur in die Vergangenheit, sondern führt vor Augen, wie sich diese in die Gegenwart und die Zukunft einschreibt.


Im Zentrum der Ausstellung in der Kunsthalle Münster steht Katia Kamelis mehrteilige filmische Arbeit „Le Roman Algérien“ (2016, 2017, 2019). Anhand verschiedener ikonografischer Quellen – allem voran Postkarten, Fotografien bzw. deren Negative – spürt die Künstlerin in den drei Kapiteln ihres algerischen Romans der komplexen Beziehung einer Nation zu ihrer Geschichte nach. Ausgangspunkt der Filme ist ein Fotokiosk im Zentrum Algiers, der als offenes Archiv fungiert, das in einem alltäglichen Kontext Erinnerungsarbeit leistet. Die Bilderwand des Kiosks wirkt wie ein Mosaik aus einzelnen Fragmenten der algerischen Geschichte, wobei die Präsentation keiner eindeutigen Ordnung folgt, sich vielmehr mit dem Warburgschen Ordnungsprinzip der guten Nachbarschaft beschreiben lässt. Neben der dreiteiligen Arbeit zeigt die Kunsthalle Münster ihren Film „The Storyteller“ (2012) sowie mehrere Fotoarbeiten, Collagen und Zeichnungen, in denen Kameli ebenfalls der Ambivalenz historischer Erzählungen sowie einer stetigen Umschreibung von Geschichte nachgeht. Für ihre zweiteilige Arbeit „Trou de Mémoire“ (2018) hat die Künstlerin das Denkmal „Le Grand Pavois d’Alger, Monument aux Morts d’Algers“ (1928) von Paul Landowski bzw. dessen Überarbeitung durch den algerischen Bildhauer M’hamed Issiakhem fotografiert. Mit Hilfe einer Collage aus Postkarten legt Kameli in ihrer Arbeit die Historie des Denkmals frei – gibt einen Einblick, in das, was sich hinter der Fassade befindet. Für ihre Arbeit „Bledi a possible storyboard“ (2002) hat die Künstlerin einzelne Details historischer Fotografien auf Transparentpapier übertragen. Auch hier klingt Geschichte als eine Abfolge von Bildern an, dabei lässt das Spiel der Künstlerin mit der Materialität die Motive flüchtig erscheinen, deutet sie vielmehr an, als dass sie sie ausformuliert. Die Arbeiten Kamelis werden ergänzt von einer Aufnahme, die die algerische Fotojournalistin Louiza Ammi zur Zeit des algerischen Bürgerkriegs gemacht hat. Bilder, die vergessen waren, werden von Katia Kameli in den Blick genommen, geordnet und analysiert, bilden einen Pfad hinein in die algerische Geschichte und tragen zu einer Wiederverbindung mit dieser bei. Dabei spielt sie in ihren Werken auf eine Sehnsucht an, den Bildern ihre Unbestimmtheit zu nehmen und eine Wahrheit in sie hineinlegen zu wollen, die man kontrollieren kann, macht jedoch letztlich klar, dass es keine Eindeutigkeit gibt, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Geschichten, denen es nachzugehen gilt.


Katia Kameli (geb. 1973 in Clermont-Ferrand, lebt in Paris) ist Künstlerin und Filmemacherin. Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. im CRP Hauts-de-France (2018), auf der Dakar Biennale (2018), der Biennale Rennes (2018), der Biennale für aktuelle Fotografie, Heidelberg – Mannheim – Ludwigshafen (2017), im Centre Pompidou, Paris (2016), im Mucem, Marseille (2016), in der Taymour Grahne Gallery, New York (2014), im Bozar, Brüssel (2014), auf der Lubumbashi Biennale, Kongo (2013), der Marrakech Biennale (2012) und der Bamako Biennale (2011). 2006 und 2011 inszenierte Katia Kameli für junge Regisseure aus Algerien, Marokko und Tunesien in Algier die Videoplattformen „Bledi in Progress" und „Trans-Maghreb".


Text: Kunsthalle Münster



Foto: Katia Kameli – Kunsthalle Münster



Ausstellungsdauer:


Katia Kameli

She Rekindled the Vividness of the Past


Kunsthalle Münster

Hafenweg 28, 5. Stock

48155 Münster



Foto: Katia Kameli – Kunsthalle Münster