VIDEONALE.17 – Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen


Sohrab Hura, The Lost Head & The Bird. Foto: SohrabHura



„We dialogue, therefore we are (Wir sind im Gespräch, also sind wir)“, konstatiert der Philosoph Raymond Tallis in Johan Grimonprez‘ Videoarbeit „Raymond Tallis – on tickling“ (2017). Das Werk ist eine von 30 aktuellen internationalen künstlerischen Positionen der VIDEONALE.17 – Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen, die ab dem 21. Februar 2019 im Kunstmuseum Bonn stattfindet. Tallis bezieht sich mit seinem Statement auf René Descartes‘ „Ich denke, also bin ich.“ Gleichzeitig stößt er damit auch zentrale Fragen an, die die Ausstellung untersucht: Wie sind wir heute eigentlich miteinander im Gespräch? Wer spricht zu wem und über welche Medien? Über welche Realität(en) sprechen wir und wie erkenne ich die Realität meines Gegenübers (an)? Und welche künstlerischen Strategien werden aktuell entwickelt, um alternative Blicke zu ermöglichen und neue Perspektiven zu integrieren?


Ausgewählt aus über 1.100 Wettbewerbseinsendungen aus 66 Ländern, werfen die Werke der VIDEONALE.17 Schlaglichter auf diese Fragen unter dem Thema REFRACTED REALITIES (Gebrochene Wirklichkeiten). Mit „Refraktion“ wird die Brechung von Lichtwellen bezeichnet, wenn Licht von einem Medium auf ein anderes übergeht: Durch die Brechung verändert sich die Wahrnehmung dessen, was durch das Licht sichtbar gemacht wird. Das Wissen um das Phänomen der Refraktion fordert uns auf, Ausgangs- und Endpunkt unserer Wahrnehmung mit der Realität abzugleichen, unseren Blick zu korrigieren und das Objekt der Anschauung klar zu fokussieren. „Refraktion“ im übertragenen Sinne meint also ein kritisches Reflektieren über die Mittel und
Wege der Sichtbarmachung und folglich die Option einer Reartikulation unserer Sicht auf die Dinge, wie sie sind, waren oder vermeintlich immer schon gewesen sind.


„Wenn allerorten über Heimat, kulturelle Grenzziehungen und Fake als alternative Form der Wahrheit gesprochen und nicht selten auch gehetzt wird, bin ich froh zu sehen, dass künstlerische Mittel und Erzählweisen diesen monokausalen Zugang zur Welt nicht zulassen und uns immer wieder neue, andere, offene Erzählungen anbieten. Besonders Video und Bewegtbild schaffen es dabei, uns mit kontroversen Sinneswahrnehmungen so zu konfrontieren, dass echter Erkenntnisgewinn wieder möglich wird“, sagt Tasja Langenbach, Künstlerische Leiterin der Videonale.


Die im Rahmen des Wettbewerbs der VIDEONALE.17 ausgewählten Künstler*innen fokussieren in ihren Arbeiten physische und psychische Orte, deren Zustand auf eine fragile (Un-)Ordnung der Dinge verweist. So untersuchen Mareike Bernien & Alex Gerbaulet in ihrer Arbeit „Tiefenschärfe“ (2017) Tatorte des NSU-Mordens auf ihre Sichtbarkeit im Alltag und bieten alternative Perspektiven auf die örtlichen Situationen an. Auch Zanny Begg & Oliver Ressler nutzen in „Anubumin“ (2017) Methoden des investigativen Journalismus, um alternative Erkenntnisse zu offiziell gültigen Wahrheiten – hier die vielgestaltige Ausbeutung der Pazifikinsel Nauru – einzuführen. Stefan Panhans („HOSTEL“, 2018), Chto Delat („It Has Not Happened to Us Yet. Save Haven“, 2016), Nina Fischer & Maroan el Sani („Freedom of Movement“, 2017) oder Mike Crane („UHF42“, 2016) bedienen sich hingegen performativer Mittel, um die Schichten, die sich um unser Sprechen über Migration und kulturelle Zugehörigkeiten gelegt haben, abzutragen und perspektivisch zu öffnen. Dominante Blickregime auf das kulturell, sozial oder auch geschlechtlich Andere lösen auch Martine Syms („Incense Sweaters & Ice“, 2017), Maryam Tafakory („Absent Wound“, 2018), Maryna Makarenko („Jellyfish“, 2017) und Morgan Quaintance („Another Decade“, 2018) in ihren Werken durch vielstimmige Erzählungen auf. Wie in den vergangenen Jahren findet die VIDEONALE.17 in den Wechselausstellungsräumen des Kunstmuseum Bonn statt. Die Ausstellungsarchitektur wird gestaltet von Ruth M. Lorenz maaskant Berlin, Architektin und Ausstellungsdesignerin.


An die Eröffnung der Ausstellung schließt sich ein umfangreiches Festivalprogramm vom 21.-24. Februar 2019 (kuratiert von Lisa Bosbach) zum Thema mit Vorträgen, Künstlergesprächen, Diskussionsrunden, Performances, Videoprogrammen und Workshops an.

Im Katalog wird die Ausstellung der VIDEONALE.17 umfassend dokumentiert und durch zwei Gastbeiträge von Erika Balsom (King’s College London) und Doreen Mende (HEAD - Geneva University of Art and Design) thematisch ergänzt.



Künstler*innen der VIDEONALE.17:

Monira Al Qadiri, Eric Baudelaire, Zanny Begg & Oliver Ressler, Mareike Bernien & Alex Gerbaulet, Andreas Bunte, Shu Lea Cheang, Marianna Christofides, Chto Delat, Mike Crane, Saara Ekström, Nina Fischer & Maroan el Sani, Mahdi Fleifel, Johan Grimonprez, Laura Huertas Millán, Su Hui-Yu, Sohrab Hura, Adam Kaplan & Gilad Baram, Stéphanie Lagarde, Maryna Makarenko, Deimantas Narkevičius, Stefan Panhans, Laure Prouvost, Morgan Quaintance, Martine Syms, Maryam Tafakory, Eva van Tongeren, Tris Vonna-Michell, Clemens von Wedemeyer, Andrew Norman Wilson, Tobias Zielony



Wettbewerbsjury:

Eli Cortiñas (Künstlerin), João Laia (Freier Kurator und Autor), Tasja Langenbach (Künstlerische Leitung Videonale), Matteo Lucchetti (Freier Kurator und Co-Direktor „Visible Project“), Vanina Saracino (Freie Kuratorin), Lesley Taker (Produzentin/Kuratorin FACT Liverpool)


Text: Videonale e.V.



Die Videonale wird von der Kunststiftung NRW gefördert.



Saara Ekström, Amplifier. Foto: Saara Ekström



Termin:


VIDEONALE.17 – Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen
REFRACTED REALITIES


Ausstellung: 21. Februar bis 14. April 2019 im Kunstmuseum Bonn


Festivalprogramm: 21. bis 24. Februar 2019


Eröffnung und Preisverleihung: 20. Februar 2019 um 20 Uhr



Kunstmuseum Bonn

Museumsmeile
Friedrich-Ebert-Allee 2
53113 Bonn



Nina Fischer & Maroan elSani, Freedom of Movement. Foto: Fischer&elSani, VG Bild-Kunst