Ludwig Forum Aachen
dis/order – Kunst und Aktivismus in Russland seit 2000


Eine Reflexion von Christina Irrgang



Das Ludwig Forum Aachen zeigt zeitnah zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution und den Präsidentschaftswahlen in Russland im März 2018 eine von Tatiana Volkova und Holger Otten kuratierte Ausstellung, die Politik, Macht und Protest vor dem Hintergrund kulturpolitischer Regularien unter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin reflektiert. Die mit der Ausstellung „dis/oder – Kunst und Aktivismus in Russland seit 2000“ berührten Themen sind nicht ausschließlich in Russland relevant, aber sie weisen durch die dort zunehmend staatliche Regulierung eine aktuelle Brisanz auf, die über die jeweilige Landesgrenze hinaus dringend nach einem Diskussionsraum verlangt. Der öffentliche Raum, der in Russland in den 1990ern von Künstlerinnen und Künstler sowie Aktivistinnen und Aktivisten für künstlerische Aktionen, Meinungsfreiheit und politische Proteste diente, wird zunehmend zur Tabuzone. „dis/order – Kunst und Aktivismus in Russland seit 2000“ rückt den Fokus auf die zunehmende Zensur zeitgenössischer Visueller Kunst in Russland. Die Ausstellung wird von der Kunststiftung NRW gefördert.

 


Abb. 1



Wankende Stabilität


Ein Thron krönt eine fragile, aus Metallschildern erbaute Konstruktion, die nach wenigen Augenblicken im tiefen Schnee Russlands wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. Die 2012 von Timofei Radja am Stadtrand von Jekaterinburg errichtete performative Installation „Stability“ deutet an, was sich seit dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 2000 verändert und verstärkt hat: Regulation, Repression, der Verlust von gesellschaftlicher Stabilität. Die Kulturpolitik des Wladimir Putin bildet dabei nur eine Facette neben Korruption, organisierter Kriminalität oder Inflation, doch bündelt sich in ihrer Verstaatlichung auf entscheidende Weise der Druck der Regierung auf die Freiheit der russischen Bevölkerung. Das staatlich gelenkte Vorgehen gegen sozial und politisch engagierte Kunst hält so die Sprache des öffentlichen Raumes unter Kontrolle, anhaltende Proteste – soweit überhaupt möglich – werden durch Bestrafung in ihre Schranken verwiesen. 2012 verstärkte sich der repressive Druck auf die russische Kulturszene durch den neu ernannten Kulturminister Wladimir Medinski, 2014 unterzeichnete Putin ein Dekret mit dem Ziel, dass Kultur den staatlichen Interessen dienen solle. Seit 2016 nun unterliegt die Förderung zeitgenössischer Kunst einer gesonderten Institution (ROSIZO), welche als zentralisiertes Organ die Kunstszene in rein staatlichem Sinne reorganisiert und kontrolliert.


Verbotene Kunst – vor Gericht


Bereits 2007 ereignete sich ein brisanter Fall, bei dem die Kunstfreiheit zum Politikum wurde: anlässlich der in Moskau im Sacharow-Zentrum gezeigten Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“. Juri Samodurow, damaliger Direktor des Sacharow-Zentrums, und Andrei Jerofejew, damaliger Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst der Staatlichen Tretjakow-Galerie, stellten mit dieser Ausstellung die institutionelle Selbstzensur zur Diskussion, indem sie solchen zeitgenössischen Kunstwerken ein Forum boten, welche im Jahr 2006 von Kuratoren, Galeristen sowie Museumsdirektoren aufgrund ihres religions- oder politikkritischen Gehaltes aussortiert worden waren. Die Werke wurden hinter einer Stellwand präsentiert und waren einzig mittels einer Leiter durch Gucklöcher sichtbar.

Die Ausstellung führte zu einem von der orthodox-nationalistischen Bewegung „Volkskirche“ initiierten Prozess mit eingekauften Zeugen: das Verfahren wegen nationaler und religiöser Feindschaft (§282) endete 2010 mit einem Schuldspruch mit Geldstrafe, der nicht nur Samodurow und Jerofejew – erzwungen oder freiwillig – ihrer Posten enthob, sondern die intellektuelle und politische Freiheit aushebelte. Die Künstlerin Wiktoria Lomasko verfolgte neben vielen protestierenden Kunst- und Kulturschaffenden das Verfahren und fertigte in Zusammenarbeit mit dem Politik-Journalisten Anton Nikolajew (Mitbegründer der Künstlergruppe Bombily) eine grafische Gerichtsreportage an, die von dem Prozess berichtet. Die Ausstellung „dis/order“ zeigt Lomaskos Zeichnungen aus der Serie „Forbidden Art“ (2010), die 2011 in Form einer Publikation erschien (*). Ferner liefert die Ausstellung Hintergrundmaterial, wie etwa einen öffentlichen Brief von Juri Samodurow, in dem der damalige Museumsdirektor kritisch auf die in Russland verübte Zensur der Visuellen Kunst – ähnlich der Pressezensur – verweist und die intellektuelle, künstlerische sowie kuratorische Freiheit verteidigt.


Anhaltende Zensursysteme


Unter den Protestierenden waren auch Künstler des Kollektivs Blue Noses, von dem in der Aachener Ausstellung zwei von der russischen Regierung zensierte Werke aus der Serie „An Epoch of Clemency“ zu sehen sind, darunter „Kissing Policemen“ (2004/2017), das in Referenz zu den „Kissing Coppers“ des britischen Streetart-Künstlers Banksy steht und auf Doppelmoral, Homophobie, Nationalen Patriotismus und Gewalt gegen nichttraditionelle Lebensformen verweist. Das Ausstellungsverbot dieses Bildes gilt aktuell nicht nur in Russland, sondern wurde immer wieder auch im Rahmen von Ausstellungen außerhalb Russlands, so erstmals bei der 2007 im Pariser La Maison Rouge gezeigten „Sots Art. Politische Kunst in Russland von 1972 bis heute“ durch russische Regierungsanordnung zurück gehalten. Die Künstlergruppe Woina knüpfte 2011 mit der Performance-Serie „Kiss a cop“ an die Bilder von Blue Noses an, bei der sie in der Moskauer U-Bahn und auf öffentlichen Plätzen Polizistinnen mit Küssen überfiel – und zum Teil auf gewaltvolle Abwehr, aber auch auf Unsicherheiten stieß. Anlass für ihre Aktion war ein Identitäts-Wechsel: die vorgesehene Umbenennung der Miliz in Polizei. Teil von Woina waren zu diesem Zeitpunkt Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch, die noch im selben Jahr mit Maria Alyokhina und weiteren Aktivistinnen die Art-Punk-Band Pussy Riot gründeten.


Feminismus – in der Defensive?


Für Genderfragen fehlt in Russland nicht nur ein Forum – es existiert erst gar keine öffentliche Institution, in der feministische Fragestellungen gelehrt oder diskutiert werden. Viel mehr werden durch ausbleibende Thematisierung Homosexualität, Feminismus und Emanzipation in der öffentlichen Wahrnehmung undifferenziert ineinander geblendet.

So reflektiert „dis/order“ mit einem Schwerpunkt der Ausstellungen autonome feministische Bewegungen und zeigt Projekte ausgewählter Künstlerinnen-Gruppen, welche patriarchale Strukturen, propagierte Frauenbilder bzw. die Rolle der Frau in der russischen Gesellschaft sowie ihre sexuelle Identität in Bezug auf Recht und Freiheit reflektieren. Die Nadenka Creative Association bearbeitet seit 2014 Themen wie häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe und die Doppelbelastung von Haushalt und Arbeit sprachlich und bildlich mit kritisch-ironischem Kommentar, beispielsweise in Form von bestickten Häkeldeckchen mit weiblichen Figuren beim Bügeln, Putzen, Kochen und Staubsaugen („Invisible domestic work“, 2017). Die Shvemy Sewing Cooperative ist seit 2015 aktiv und protestierte beispielsweise 2016 mit dem „Gebärmutter-Pirat“-Banner auf das Recht der Abtreibung in St. Petersburg.

 

Öffentlicher Protest und Regulierung durch Haft

 

Wladimir Putins erneute Kandidatur zur Präsidentschaftswahl im März 2012 bildet das Motiv des weltweit bekannt gewordenen Punk-Prayer „Virgin Mary, banish Putin“ des Kollektivs Pussy Riot. Für ihre regierungs- und religionskritische Performance am 21. Februar 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, mit der sie aus feministischer Perspektive lautstark Kritik an der herrschenden russischen Gesellschaftsführung verkörperten, wurden drei Mitglieder des Kollektivs zu zwei Jahren Haft in russischen Straflagern verurteilt – darunter Maria Alyokhina, welche ihre Erfahrungen mit der restriktiven Politik gegenüber Oppositionellen in ihrem erst kürzlich erschienenen Buch „Riot Days“ in beklemmender Klarheit schildert und frei legt (**). Das Buch liegt neben weiterer Literatur in einem anlässlich der Ausstellung eingerichteten Rechercheraum zum Lesen aus.

Die Auflehnung gegen die Inhaftierung von Pussy Riot war international groß und wird in der Aachener Ausstellung anhand ausgewählter Beispiele dokumentiert: darunter die Aktion des Künstlers Pjotr Pawlenski, der sich 2012 vor der Kasaner Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau als Protest gegen das Stummschalten der Dissidentinnen den Mund zunähte. Mit dem Dokumentarfilm „Pussy versus Putin“ präsentierte das Filmkollektiv Gogol’s Wives 2013 die Hintergründe der Aktion sowie den Prozess gegen Pussy Riot, 2014 wurde die Aufführung des Dokumentarfilms beim internationalen Filmfestival „Message to Man“ in St. Petersburg durch das Russische Kultusministerium verboten. In der Ausstellung „dis/oder“ wird der Film zum Statement, indem er die staatlich veranlasste Regulation von Kunst und Aktivismus in Russland unmittelbar vor Augen führt.


Aktuelle Worte


Der öffentliche Protest in Russland ist stiller geworden, er hat sich medial verlagert, doch er ist da – wie etwa durch die Bewegung #quietprotest, die seit 2016 über gesellschaftspolitische Missstände und gesellschaftlich marginalisierte Gruppen subtil im öffentlichen Raum, z.B. mittels an Taschen gehefteter Botschaften, Poster oder in der U-Bahn liegengelassener Briefe informiert. Sie richten sich gegen Diskriminierung und suchen den unmittelbaren Kontakt zu Menschen. Auch Pussy Riot initiiert weiterhin Menschenrechtsaktionen und hat 2014 ein Hilfezentrum für politische Häftlinge gegründet. Der Ausstellung „dis/oder – Kunst und Aktivismus in Russland seit 2000“ ist es gelungen, den in Russland politisch aktiven Künstlerinnen und Künstlern sowie Aktivistinnen und Aktivisten ein Forum zu geben, in dem nicht nur ihre Werke sichtbar sind, sondern in dem sich auch die Hintergründe ihrer Arbeit erschließen lassen.



(*) Lomasko, Wiktoria und Nikolajew, Anton: Verbotene Kunst – Eine Moskauer Ausstellung, Berlin 2013 [deutsche Übersetzung].

(**) Alyokhina, Maria: Riot Days, London 2017.



Abb. 2 a-d                

                



Abb. 3 a                 Abb. 3 b



Abb. 4



Abb. 5 a-b                



Abb. 6 a                Abb. 6 b



Abb. 7 a                Abb. 7 b



Abb. 8 a-b               



Abb. 9 a-b                



 Abb. 10 a-b                                   



Die Ausstellung ist bis zum 18. Februar 2018 im Ludwig Forum Aachen zu sehen.


Hören Sie bei deutschlandfunkkultur und bei WDR 3 Mosaik Audiobeiträge zur Ausstellung.



Angaben zu den Abbildungen:


Abb. 1

dis/order — Art and Activism in Russia since 2000. Ausstellungsansicht, Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Foto: Carl Brunn.


Abb. 2 a-d

Timofei Radja, Stabilität/Stability, Videodukumentation der performativen Installation am Stadtrand von Jekaterinburg im Dezember 2012, 1:13 min., HD-Video, Farbe, Ton, courtesy the artist.


Abb. 3 a

Wiktoria Lomasko, Verbotene Kunst/Forbidden Art, 2010. Digitaldruck, courtesy the artist.


Abb. 3 b

dis/order — Art and Activism in Russia since 2000. Ausstellungsansicht, Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Foto: Carl Brunn.


Abb. 4

Blue Noses, Küssende Polizisten (aus der Serie "Eine Epoche der Barmherzigkeit")/Kissing Policemen (aus der Serie "An Epoche of Clemency"), 2004/2017, C-Print, courtesy the artists.


Abb. 5 a-b

Woina/Voina (Moskau), Küss’ einen Bullen/Kiss a cop, Videodokumentation einer Aktion im Januar und Februar 2011, 1:28 min.,
 Digitales Video, Farbe, Ton, courtesy the artists.


Abb. 6 a

Nadenka Creative Association, Unsichtbare Hausarbeit/Invisible domestic work, 2017, Textilobjekte, Detailansicht, courtesy the artists.


Abb. 6 b

dis/order — Art and Activism in Russia since 2000. Ausstellungsansicht, Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen, 2017. Foto: Carl Brunn.


Abb. 7 a

Shvemy Sewing Cooperative, Gebärmutter-Pirat/Womb-pirate, 2016, Stoff-Banner für und bei einem Protest auf das Recht der Abtreibung in St. Petersburg, courtesy the artists.


Abb. 7 b

dis/order — Art and Activism in Russia since 2000. Ausstellungsansicht, Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen, 2017. Foto: Carl Brunn.


Abb. 8 a-b

Pussy Riot, Jungfrau Maria, räum’ Putin aus dem Weg/Virgin Mary, banish Putin, Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21.02.2012, Film-Stills aus: Gogol’s Wives, Pussy versus Putin, 2013, courtesy the artists.


Abb. 9 a-b

Gogol’s Wives, Pussy versus Putin, 2013, 61 min., Dokumentarfilm, Film-Stills, courtesy the artists.


Abb. 10 a-b

#quietprotest, Stille Kundgebung, Dokumentation von diversen Protestaktionen, 2016–2017, courtesy the artist.