Dortmunder Kunstverein
Ben Burgis & Ksenia Pedan


Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel



Im Gespräch mit Oriane Durand

 

Seit 2011 verfolgt das Künstlerduo Ben Burgis (*1983 in England) & Ksenia Pedan (*1986 in Ukraine) eine kollaborative Praxis und schafft gemeinsam skulpturale Installationen. Die im Dortmunder Kunstverein präsentierte Ausstellung „Golf Musk“ ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung außerhalb von England und wurde von der Kunststiftung NRW gefördert. Im folgenden Gespräch erläutert die künstlerische Leiterin des Dortmunder Kunstvereins, Oriane Durand, die Konzeption und Hintergründe der Ausstellung. Das Gespräch führte Christina Irrgang.



     Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel                          Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel              

 


Irrgang: Reifenspuren auf Wand, Bildfläche und Boden führen hinein in die Installation von Ben Burgis & Ksenia Pedan. Dabei spannt das Künstlerduo einen Kosmos auf, der innen und außen, Bewegung und Stillstand umfasst. Mit welchen Mitteln brechen Burgis & Pedan die klar durch Säulen und Glasflächen gegliederte Architektur des Kunstvereins auf und inwiefern spiegelt diese Ausstellung Ihr kuratorisches Programm im Dortmunder Kunstverein?



Durand: Die Installation „Golf Musk“ von Ben Burgis & Ksenia Pedan wurde als raumumfassende Installation konzipiert. Durch eine starke Aneignung des Raumes, wie Sie sagen, sind alle Flächen (außer die Decke) durch Spuren oder Materialien besetzt worden: Ein Teppich, ein die gesamte Wandfläche umspannendes Netz, Wohnmöbel wie Tische, Stühle, Garderobe sowie Gemälde und zwei hundartige Wesen. Die Säulen sind mit einem Gürtel und einer Art Ring dekoriert; sie sind im Dekorum integriert. Ein von Burgis & Pedan konzipiertes architektonisches Element erinnert wiederum an einen leer stehenden Laden und ordnet die Innenarchitektur neu an. Der White Cube wird insofern komplett in etwas Interieurartiges transformiert: Die Identifizierbarkeit der Objekte, der Umgebung und der Schmutz geben das Gefühl eines gelebten Ortes, so dass die institutionelle Architektur komplett in der Installation aufgeht.


Die Räume des Dortmunder Kunstvereins haben eine für den Anfang des 21. Jahrhunderts typisch internationale Architektur – sie sind kühl und ziemlich stur. Es gibt eine 22 Meter lange schaufensterartige Front, die jede Form von Intimität bei der Kunstwahrnehmung hinterfragt. Die ständige Durchlässigkeit führt dazu, dass die Konzentration weggezogen wird. Das Spiel von innen und außen, privat und öffentlich, das hier durch die offene Raumsituation entsteht, hat mich dazu veranlasst, mehr über den Begriff des Interieurs und der Intimität nachzudenken. Mir geht es darum, den Raum zu aktivieren. Ich suche Positionen, die entweder mit der Architektur arbeiten oder sie brechen. Die meisten KünstlerInnen, die ich einlade, arbeiten insofern installativ. Der andere Aspekt meiner Arbeit als künstlerische Leiterin des Dortmunder Kunstvereins ist die Reaktion auf die Region, das heißt, das Programm des Dortmunder Kunstvereins stets auch im Kontext von NRW zu sehen.


 

   Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel                          Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel


 

Irrgang: Markante Elemente des Environments sind Modelle und Miniaturen – wie stark verkleinerte Liegen und Bürosessel – oder verfremdete Materialien, Formen und Körper wie ein an die Wand geschnallter Stein, der einem Pizzastück gleicht. Welche Bedeutung erhalten Irritation, Humor und Perspektivwechsel in der Ausstellung „Golf Musk“?



Durand: Humor und insbesondere Perspektivwechsel haben in dieser Ausstellung eine subversive, als auch politische Dimension. Was bedeutet es, wenn ein schweineähnlicher Hund, dessen Haupt eine Terrier-Postkarte ziert, ein Gemälde von einem Golfplatz und einem karierten Stück Stoff betrachtet? Was bedeutet es, wenn der „Wohnraum“, in dem sich die AusstellungsbesucherInnen befinden, wie die Wohnung eines reichen Businessmans wirkt, aber die Möbel der Größenordnung eines Kindes entsprechen? Sind die Objekte Spielzeuge, mit denen er heimlich spielt? Spielt er selbst den Geschäftsmann oder ist es ein Kind, das Businessman spielt? Anfang des Jahres habe ich eine Kurzgeschichte gelesen, die mich sehr geprägt hat: „The Miniature Wife“ von Manuel Gonzales. Ein Mann verkleinert versehentlich seine Frau und je mehr man in die Geschichte eintaucht, umso mehr wird deutlich, dass der Mann glücklich darüber ist, dass seine Frau nun so klein ist. Sie beginnt jedoch, dagegen zu rebellieren – und peu à peu erfährt man, dass sie eigentlich gefährlicher ist und mehr Macht hat, als er… Ich denke, Größe hat etwas extrem Politisches. Manchmal treibt mich die Idee um, dass die Welt aufgrund von Größenkomplexen so ist, wie sie ist…



Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel                            Installationsansicht Dortmunder Kunstverein, Foto: Simon Vogel


 

Irrgang: Golf, Lobby, Hashtag, Immobilien: Wie bringen Ben Burgis & Ksenia Pedan mit ihrer Ausstellung Kritik an Gesellschaftssystemen, Statussymbolen und an sie gekoppelte Kommunikationsformen zur Diskussion?



Durand: Das Besondere der Environments von Burgis & Pedan ist der Einsatz von Schmutz als Symbol und Kontrast, um Hierarchien zu brechen – ein Aspekt ihres Humors, der sich durch die gesamte Ausstellung zieht. In „Golf Musk“ gibt es zwar konkreten und körperlichen Schmutz wie Haare, alte Schuhe, Abfälle und Metallstaub, jedoch wird dieser „domestizierte“ Dreck derart drapiert, dass er die Grenze zwischen Trashigem und Sorgfältigem, Handwerk und Industriellem, Ernsthaftem und Trivialem verwischt. Absurde Momente wie der Roboterhund, der am Eingang des „Wohnzimmers“ wie ein Wächter platziert ist; kindliche oder spielerische Augenblicke, wie die Spuren des Motorrads auf dem Boden; sowie Fragilität, die durch das Handwerkliche ausgedrückt wird und gleichzeitig eine Liebe zum Detail bezeugt, brechen mit der Ernsthaftigkeit der Situation bzw. werfen die Frage auf, was bloß Spielzeug, alltäglicher Gebrauchsgegenstand oder Kunst ist.


Der diese Umgebung bewohnende fiktive Charakter gleicht einer dominanten Person, die hinter den Kulissen die Fäden zieht, doch das Leben als Spiel versteht und sich keinerlei Gedanken über seine Umwelt, geschweige denn die Pflege des liebevoll ausgestatteten Interieurs macht. Burgis & Pedan umschreiben den englischen Begriff „musky“ (deutsch: moschusartig) mit einer Situation, in der sich ältere Männer in einer Whisky-Bar treffen, Zigarren rauchen und geheime Dinge besprechen – eine Atmosphäre voll viriler Potenz. Eine Szenerie, die auch an einen derzeit auf einem anderen Kontinent regierenden „Evil Clown“ erinnern könnte. Eine Person mit Macht und Machthunger, welche die Welt gleichsam wie ein Spielbrett betrachtet…



Die Ausstellung lief vom 08. September bis zum 12. November 2017 im Dortmunder Kunstverein.