Im Fokus: Elmgreen & Dragset im Museum Haus Lange, Krefeld


Elmgreen & Dragset Installationsansicht, Die Zugezogenen, Museum Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, 2017 Courtesy the artists Foto: Volker Döhne © Elmgreen & Dragset und VG Bild-Kunst, Bonn 2017


Drei Fragen an die Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey zur Ausstellung "Die Zugezogenen" von Elmgreen & Dragset im Museum Haus Lange, Krefeld



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Mit der Ausstellung „Die Zugezogenen“ entwickelten Elmgreen & Dragset folgendes Szenario: Eine fiktive deutsche Familie zieht als Reaktion auf den Brexit von Großbritannien zurück nach Deutschland, ins Haus Lange in Krefeld. Der Brexit wird zum aktuellen Anlass für das künstlerische Setting, das Migration, Heimat-Aufgabe, Verlust, gesellschafts-politische Krisen und kulturelle Differenzen thematisiert.

Wie kam es zur Realisierung dieses Projektes im Museum Haus Lange, das ehemals Wohnhaus war, nun aber durch seine Funktion als Museum erneut zum Ort einer – wenngleich inszenierten – „Privatheit“ wird?


Die Arbeiten von Elmgreen & Dragset verfolge ich seit langem, immer wieder fasziniert von ihren narrativen Inszenierungen des Häuslichen, in denen privater und öffentlicher Raum bzw. das Private und das Politische eine so enge Verbindung eingehen. Mit der Einladung an das Duo verband sich die Hoffnung, die beiden mögen genau mit der Spannung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Kunst, Architektur und Gesellschaft arbeiten, die sich im Haus Lange abbildet, und das Haus auch als Ort der Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Weltbild der Moderne akzentuieren. Haus Lange zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es schon seit den 1960er Jahren viele Künstlerinnen und Künstler zu einem dezidiert ortspezifischen Arbeiten angeregt hat. Die besondere Atmosphäre und der Kontext des Hauses als ehemaliger Ort des Wohnens, der für ihre Arbeiten wie gemacht ist, waren sicher der Grund, dass Elmgreen & Dragset trotz ihrer extremen Arbeitsbelastung in diesem Jahr zugestimmt haben, neben der Istanbul Biennale hier ihre einzige Einzelausstellung 2017 zu realisieren.   



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Die Kunst, das Sammeln und das Ausstellen werden innerhalb der Ausstellung in verschiedenen Formaten thematisiert: durch kunsthistorische Zitate anhand von Objekten und inszenierten Bildmomenten, wie zum Beispiel durch den Pool im Garten oder die Umzugskartons des britischen Museums der Tate Gallery; durch explizite Bezüge auf Künstler mittels Nennung ihrer Namen im Titel der Werke, oder durch Techniken der Kunst am Beispiel der Dunkelkammer und Fotografie.

Wie erleben Sie Elmgreen & Dragsets Ausstellung in der Ausstellung? 


Elmgreen & Dragset beherrschen es meisterhaft, ihre Werke auf verschiedenen Ebenen anzusiedeln und so auch vielen Menschen zugänglich zu machen. Der Gang durch die Ausstellung gleicht ein wenig dem Eindringen in ein Labyrinth, das von der anziehenden Oberfläche der Dinge, dem schönen Schein des inszenierten Lebens, zu immer tieferen Bedeutungsschichten vorstößt. Insofern funktioniert auch das kunst- und kulturhistorische Verweissystem, das sie aufbauen: als ein Angebot, das man lesen kann, aber nicht muss. Die Dunkelkammer ist hier tatsächlich der innerste Kern der Erzählung – der Ort, an dem sich allgemeine Themen wie Bildproduktion, kulturelles und individuelles Gedächtnis, Identitätssuche mit der fiktiven Narration um den Vorbesitzer des Hauses überschneiden.      



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Über ein kritisches Bewusstsein hinaus zeichnet sich die Intervention immer wieder durch Momente der Ironie aus: Das Surreale und Groteske lauert hinter Wänden, in Ecken, neben Türen.

Welche Situation innerhalb der Ausstellung zeichnet sich für Sie besonders aus?


Es sind die vielen Details, die sich der Betrachterin und dem Betrachter erst beim genauen Hinsehen erschließen, sozusagen wie der Text zwischen den Zeilen, oder wie Indizien, die sich zu immer neuen möglichen Erzählungen zusammensetzen: die funktionslose Türklinke an der Wand neben der klinkenlosen Tür zu Yves Kleins „Raum der Leere". Der ängstliche Junge im Kamin, der so stark die Frage nach Identitätsfindung und Rollenverhalten stellt und an verschiedenen Stellen der Ausstellung wiederkehrt: als reale, sichtlich gelangweilte Person auf zwei beinah identischen Fotos, als kauernde Figur auf dem Aschenbecher vom Flohmarkt neben (Freuds?) halb abgebrannter Zigarre, als Aquarell im Umzugskarton, nackt vor dem Spiegel stehend in den Schuhen seiner Mutter. Oder die Noten zu Edward Elgars Hymne „Land of Hope and Glory", die wie eine uneinlösbare Verheißung auf den Umzugskartons neben dem unbespielbaren Flügel mit demontiertem Bein liegt. 

Der stärkste Moment für mich ist das ehemalige Badezimmer im Obergeschoss. Beim flüchtigen Hinsehen erschließt sich tatsächlich nicht, wo der Alltag, das Vorgefundene aufhört und die Kunst anfängt. Die Arbeit „Second Marriage", eingebaute Waschbecken samt Spiegel und Seifenspender, unlösbar verbunden durch ein in sich verknotetes Abflussrohr, fügen sich in den Kontext ein, als wären sie immer da gewesen – und gleichzeitig wird gerade in der Selbstverständlichkeit, mit der sie in diesen Raum der Hygiene und körperlichen Intimität zu gehören scheinen, umso mehr deutlich, wie Elmgreen & Dragsets Objekte immer psychologisierte Objekte sind, Stellvertreter für die Menschen, die sie benutzen könnten oder müssten.  



Das Interview führte Christina Irrgang.


Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. August 2017.

Weitere Informationen finden Sie hier



Elmgreen & Dragset Darkroom, 2017 Mischtechnik Installationsansicht, Die Zugezogenen, Museum Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, 2017 Courtesy the artists Foto: Volker Döhne © Elmgreen & Dragset und VG Bild-Kunst, Bonn 2017



Elmgreen & Dragset Installationsansicht, Die Zugezogenen, Museum Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, 2017 Courtesy the artists Foto: Volker Döhne © Elmgreen & Dragset und VG Bild-Kunst, Bonn 2017