Christoph Ransmayr
"Stille Wasser"


Kaum haben wir die Augen aufgeschlagen in dieser Welt, beginnen wir zu übersetzen: benennen Menschen, Tiere, Wasser, Himmel und Erde mit Lauten, dann Worten, Sätzen und taufen so, was wir sehen, hören, empfinden. Aber was immer wir zur Sprache bringen, ist nicht einfach deckungsgleich mit dem Getauften - schließlich ist im Wort Ozean noch niemand ertrunken und im Wort Abgrund noch niemand zu Tode gestürzt, sondern jedes Wort, jede Silbe erweckt in uns Bilder der Erfahrung, den Klang der Wirklichkeit und erinnert uns an das, was war, was ist und sein wird.

Und damit nicht genug: Unsere Worte ziehen Kreis um Kreis wie ein in stilles Wasser geworfener Kiesel. Namensgeber und Täufer anderer Sprachen und Kulturen nehmen sich da und dort unserer Vokabel und Gedanken an, übertragen sie aber nicht bloß in ihr Idiom, sondern verwandeln sie, bringen an diesem Wort eine Stelle zum Glänzen, bezeichnen an einem anderen einen weißen, vielleicht blinden Fleck oder einen schimmernden Reflex, bevor sie sich zu Übersetzern aufschwingen und Geschichten, Gedichte oder Briefe noch einmal anders und neu zur Sprache bringen.

Im biblischen Babylon erschien die Vielsprachigkeit als Unheil, an dem selbst der höchste Turm der Menschheit zuschanden wurde. Über die stillen Wasser der Übersetzer dagegen ziehen Wellen von Ufer zu Ufer, verbinden und überschneiden sich und bilden da und dort fliehende Muster, aus dem sich der Zauber der Sprache nicht nur über Grenzen, sondern selbst über die Zeit und ihre Jahrhunderte erhebt.



Im Rahmen der internationalen Veranstaltungsreihe „Straelener Atriumsgespräche“ – initiiert 2007 von der Kunststiftung NRW und dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen – arbeiten zweimal jährlich herausragende deutschsprachige Autorinnen und Autoren über mehrere Tage mit ihren ausländischen Übersetzern am aktuellen Werk.

Anlässlich des 15. Straelener Atriumsgesprächs , das vom 26. bis 30. Juni 2017 im Europäischen Übersetzerkolleg Straelen stattfand, traf Christoph Ransmayr die Übersetzerinnen und Übersetzer seines Romans „Cox oder Der Lauf der Zeit“ (erschienen 2016 im S. Fischer Verlag) aus Bulgarien, China, Großbritannien/USA, Italien, Kroatien, den Niederlanden, Polen und Spanien.

Als Dank und Anerkennung für diese Zusammenarbeit und in Faszination fürs Übersetzen hat Christoph Ransmayr den Text „Stille Wasser“ verfasst.


Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", "Die letzte Welt", "Morbus Kitahara", "Der fliegende Berg" und dem "Atlas eines ängstlichen Mannes" erschienen bisher zehn Spielformen des Erzählens, darunter "Damen & Herren unter Wasser", "Geständnisse eines Touristen", "Der Wolfsjäger" und "Gerede". Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band "Bericht am Feuer". Für seine Bücher, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem die nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreise, den Premio Mondello und, gemeinsam mit Salman Rushdie, den Prix Aristeion der Europäischen Union, den Prix du meilleur livre étranger und den Prix Jean Monnet de Littérature Européenne. Zuletzt erschien der Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit".