„...wir bleiben nur über Wasser, wenn wir gemeinsam schöpfen...“

Im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle


© Kunststiftung NRW / Susanne Diesner



Christina Irrgang mit Stefan Weidle im Gespräch über die von der Kunststiftung NRW initiierte Tagung „Verlegen als künstlerisches Projekt?“ und die Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage



CI: Herr Weidle, Ihr Verlag Weidle Verlag widmet sich in erster Linie der Literatur der 1920er und 1930er Jahre, oftmals im Hinblick auf die Situation von Autorinnen und Autoren sowie Kunst und Künstlern unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Daneben erscheinen Autobiografien von Emigrantinnen und Emigranten sowie Sachbücher und Künstlerkataloge. Mit Ihrer Erfahrung, den Leserinnen und Lesern Exilliteratur aus der zeitlichen Ferne wieder zurück- und nahezubringen, so schreiben Sie in Ihrem Verlagsprofil, entwickelte sich ein Programm, das auch in die räumliche Fremde greift und den Fokus auf Übersetzungen fremdsprachiger Gegenwartsliteratur richtet – wie die Übersetzungen von chinesischer Lyrik und Prosa, oder die zuletzt von der Kunststiftung NRW geförderte Übersetzung des Buches „Der Spaziergänger von Aleppo“ von Niroz Malek, übersetzt aus dem Arabischen ins Deutsche von Larissa Bender.

Ihr Verlagsprofil ist spezifisch, Sie zählen zu den unabhängigen Verlegern – doch Sie blicken im Jahr 2018 zurück auf eine 25-jährige Verlagsgeschichte. Mit welchen Erwartungen und Zielen haben Sie die im Februar von der Kunststiftung NRW initiierte Verlegertagung mit dem Titel „Verlegen als künstlerisches Projekt?“ besucht? Wie stellt sich für Sie die aktuelle Lage unabhängiger Verlegerinnen und Verleger dar?


SW: Ich kam durchaus mit hohen Erwartungen, und diese wurden auch nicht enttäuscht. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen verlief überaus erfreulich, und wir konnten handfeste Thesen und Vorschläge entwickeln. Jetzt kommt es darauf an, so viel wie möglich davon umzusetzen. Und daran arbeiten wir natürlich schon.

Die aktuelle Lage stellt sich für jeden von uns vermutlich ein wenig anders dar, wir haben ja alle unser eigenes Programm und damit unsere eigene Leserschaft. Sicher gibt es die verbindende Malaise der Rückzahlungen an die Verwertungsgesellschaften Wort und Bild-Kunst, aber ansonsten ergreifen wir durchaus unterschiedliche Maßnahmen zur Kundenbindung bzw. -gewinnung. Einfacher wird das angesichts rückläufiger Zahlen an Buchkäufern gewiss nicht. Wir haben wegen dieser Problematik im Verlag beschlossen, unsere Produktion zu reduzieren, auf nunmehr vier Titel pro Jahr. Für die können wir uns sinnvoll einsetzen. Es gibt bei rund 80.000 Neuerscheinungen im Jahr einfach zu viele Bücher.



CI: Das Ergebnis der zweitägigen Arbeitstagung ist die „Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage“, die Literatur explizit als förderungswürdiges Kulturgut benennt und die u.a. eine generationen- und schichtenübergreifende Kultur- und Bildungsinitiative anstoßen will – wie etwa durch den Aufbau einer „Bundeszentrale für literarische Bildung“.

In welcher Krise stecken Bücher, die literarische Bildung und die Gesellschaft? Welche Chancen bieten unabhängige Verlage?


SW: Die Bildung steckt in der schlimmsten Krise seit je. Es ist einfach nicht mehr sexy, gebildet zu sein. Der Slogan unserer Epoche lautet leider: „Say it loud, I'm dumb and proud!“ Wohin das führt und schon geführt hat, sehen wir allüberall, und man muss schon verdammt aufpassen, nicht zum Apokalyptiker zu werden. Ich halte viel von dem Ausdruck, den Alexander Kluge mal als Filmtitel benutzt hat: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Der beschreibt, was passiert: Die Zukunft ist schon so gut wie besiegt, weil unser Planet stirbt, und die Vergangenheit spielt keine Rolle mehr, man lernt nicht aus einer Geschichte, die nicht mehr gelehrt wird, und einstmals überwunden geglaubte Barbarismen feiern fröhliche Urständ. Beim Blick zurück wie nach vorn sehen wir den Untergang dessen, was unsere Zivilisation ausmacht. Die Gegenwartsverfallenheit trifft auch uns als Verlage: Bücher sind nur noch etwa sechs Monate im Handel, dann folgen die nächsten Programme. Ältere Titel werden nicht mehr gefragt, nicht mehr verkauft. Sie mögen mich altmodisch nennen oder wie auch immer: Fundierte Bildung lässt sich nur über Bücher erwerben, über sonst nichts. Das Vorbeigleiten von Zeilen auf einem Bildschirm hat allein Gegenwartswert, es hilft nicht wirklich beim Verständnis der Welt.

Wir müssen noch mal neu anfangen mit einer Initiative, die unsere vereinten Kräfte bündelt. Wir müssen in die Schulen und Universitäten vordringen und nicht nur für das Lesen werben, nein, das wäre zu unernst: Wir müssen klarmachen, dass mit der Welt der Bücher die zivilisierte Welt insgesamt untergeht. Man kann das gar nicht genug dramatisieren! Es gibt keine Humanität ohne Humanismus.



CI: Wie haben die Zusammenkunft und der Austausch von über sechzig unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern Ihren Blick auf die Situation der unabhängigen Verlage wie auch Ihren persönlichen Arbeitsalltag verändert? Gibt es Aspekte der Düsseldorfer Erklärung, die bereits Einfluss auf Ihre eigene verlegerische Tätigkeit genommen haben und nehmen werden?


SW: Der Austausch hat mir wieder mal gezeigt, in welch einem angenehmen Umfeld ich arbeiten darf. Ich erhoffe mir von den angestoßenen Initiativen eine noch engere Zusammenarbeit, wir sitzen im selben Boot, und es hat ein Leck; wir bleiben nur über Wasser, wenn wir gemeinsam schöpfen – durchaus im übertragenen Sinne gemeint.



CI: Im März auf der Leipziger Buchmesse wurde dann die Frage des Verlegens als künstlerisches Projekt noch einmal im Rahmen der Podiumsdiskussion „Reden wir über Geld! Förderung für unabhängige Verlage“ (veranstaltet von der Leipziger Buchmesse und der Kunststiftung NRW) aufgegriffen und vielschichtig diskutiert. Wie haben Sie als Teilnehmer der Verlegertagung einerseits und als Verleger auf der Leipziger Buchmesse andererseits die Reaktionen auf die „Düsseldorfer Erklärung“ erfahren? Welche Schwierigkeiten und Perspektiven bleiben?


SW: Verlegen ist durchaus ein künstlerisches Projekt, schließlich ist ein Buch nicht der Content (ein Wort, das ich nicht mag), sondern ein aus Schrifttyp, Einband, Bindung, Satzspiegel etc. geformtes Gesamtobjekt, dem Kunstcharakter zukommt. Ich würde mich und uns natürlich nicht als Künstler sehen, aber doch als jemand, der Kunst ermöglicht.

Die Schwierigkeit bleibt, dass wir auf die Dauer ohne finanzielle Förderung verschwinden werden, nicht alle von uns, aber doch ein so großer Teil, dass es die heutige literarische Vielfalt nicht mehr geben wird. Das müssen wir der Politik klarmachen, bevor es ein Schlüsselereignis gibt, das uns recht gibt, allerdings eben zu spät. Wenn wir das Bildungsangebot, das wir unabhängigen Verlage stellen, erhalten wollen, dann müssen wir jetzt handeln. Wenn wir das nicht wollen, dann sind wir auf der Seite der Gegenwart, deren Sieg beim Angriff auf die übrige Zeit den eigenen Untergang allerdings bereits enthält.